Die Geschichte der Luzerner Holzbrücken

Drei Brücken zwischen Aufbau und Zerstörung

Jede der drei Holzbrücken der Stadt Luzern hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ein Rückblick auf ihre Entstehung und die Veränderungen im Laufe der Zeit.

Die Verschwundene, die Glamouröse und die Zweigeteilte

Seit Jahrhunderten prägen gedeckte Holzbrücken das Stadtbild von Luzern. Einst als Fusswege und Teile der Stadtbefestigung gebaut, haben sie sich laufend verändert – teils bewusst herbeigeführt, teils durch Katastrophen bedingt.

Luzern im 12. und 13. Jahrhundert: Der Ort stand unter der Herrschaft der Klöster Murbach und Luzern sowie der Herren von Rothenburg. Luzern entwickelte sich zusehends zur Siedlung von städtischem Format. Nach dem Bau der steinernen Reussbrücke, die 1168 erstmals erwähnt ist, dehnte sich die Stadt Richtung linkes Reussufer aus. Der um das Jahr 1200 zunehmende Verkehr über den Gotthardpass trug zum Wachstum bei. Es war die Blütezeit des Städte-, Brücken- und Strassenbaus.

Brücken bieten der Stadt Schutz

Doch es ist auch eine Zeit der Machtwechsel: 1291 erwarb der Habsburger-König Rudolf I. die Rechte an der Stadt. 1332 trat Luzern dem Bund der eidgenössischen Urkantone bei und befreite sich schliesslich 1386 im Sempacherkrieg von der österreichischen Herrschaft. Zum Schutz der Stadt entstanden fortlaufend Stadtmauern und Gräben. Auch den drei Holzbrücken kam in der Stadtbefestigung eine wichtige Rolle zu.

Historischer Stadtplan von Luzern mit allen drei Holzbrücken

Die Hofbrücke –
die Verschwundene

Sie ist die erstgebaute Holzbrücke von Luzern. Im
19. Jahrhundert wurde die Hofbrücke abgebaut.

Im 13. Jahrhundert drohten von der Seeseite feindliche Übergriffe. Um die Stadt besser zu schützen, wurde im Luzerner Seebecken die Hofbrücke errichtet. Ihr Verlauf und ihre Form deuten darauf hin, dass sie die Stadtmauern fortsetzte und als seeseitige Verteidigungslinie diente. Pfahlreihen im See ausserhalb der Brücke stützen diese These.

Kirche und Stadt verbinden

Die Hofbrücke war indessen mehr als ein Teil des Luzerner Befestigungsrings. Die 385 Meter lange Brücke war die direkte Verbindung zwischen der Stadt und der Kloster- und Pfarrkirche im Hofbezirk (heute: Hofkirche); daher auch der Name «Hofbrücke». Sie führte über flaches, sumpfiges Ufergebiet vom Benediktinerkloster St. Leodegar bis unmittelbar zum Haus zur Gilgen und dem angrenzenden Friedhof. Hauptsächlich diente sie also als Kirchweg und – der schönen Aussicht über das Seebecken auf die Berge sei Dank – auch als beliebter Spazierweg.

 

Blick von der Hofbrücke – mit den Dreieckbildern in den Giebeln – in Richtung Stadt. Ein Teil der Brücke ist bereits abgerissen.

Die älteste Holzbrücke Luzerns

Das exakte Baudatum der Hofbrücke ist nicht überliefert. Mit Bestimmtheit nach 1252 gebaut, deuten Indizien auf das Jahr 1265 hin. Erste konkrete Hinweise tauchen im Jahr 1310 auf. 1321 ist sie dann – als Kirchweg bezeichnet – erstmals erwähnt. Sie ist somit die älteste vollständige Luzerner Holzbrücke. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts entstand der biblische Bilderzyklus in Form von seltenen Dreieckbildern, die in den Giebeln der Brücke angebracht waren. Von den ursprünglich 239 Bildern sind heute noch deren 226 erhalten. Sie befinden sich im Stadtarchiv und sind nicht öffentlich zugänglich.

Ein Opfer des Tourismus

Heute sucht man die Hofbrücke in Luzern vergeblich. Ihr Ende geht mit den Anfängen des Tourismus einher. Um mehr Platz für Hotels und eine Quaianlage zu haben, wurde der Vierwaldstättersee beim heutigen Schwanenplatz und am Schweizerhofquai aufgeschüttet. Die Hofbrücke verlor so schrittweise ihren Zweck, da bald Teile von ihr nicht mehr über das Wasser verliefen. Sie wurde in vier Etappen abgebrochen: 1835 wurden die ersten 75 Meter bei der St. Peterskapelle abgerissen, 1839 und 1845 gingen wiederum je 100 Meter verloren, ehe die Hofbrücke 1852 ganz verschwand – unter dem Beifall der Öffentlichkeit.

Die Aussicht vom Felsberg um zirka 1800 mit kompletter Hofbrücke.
Die Hofbrücke mit der Hofkirche im Hintergrund.
Die drei Brücken wurden 1801 fast abgebrochen
Man befürchtete einen Überfall der Urkantone auf die Stadt. Als Verteidigungsmassnahme wurde der Abbruch der Brücken vorbereitet. Der Überfall fand zum Glück nie statt.

Die Kapellbrücke –
die Glamouröse

Sie ist das touristische Aushängeschild der
Stadt Luzern. Geprägt hat die Kapellbrücke vor allem ein Ereignis –
die Brandkatastrophe von 1993.

Unbestritten ist die Kapellbrücke mit dem Wasserturm das Wahrzeichen der Stadt Luzern. Sie ist beliebtes Fotosujet und für viele Einheimische Teil des täglichen Lebens. Etwa 13’800 Leute überqueren sie täglich, um zwischen der Neu- und der Altstadt hin und her zu pendeln. Auch im 14. Jahrhundert hatte die Kapellbrücke eine Doppelfunktion: Neben einer Fussgängerverbindung über die Reuss war sie ein Teil der Stadtbefestigung. Dies erklärt ihren ungewöhnlichen Verlauf quer über die Reuss und die höhere Brüstung auf der Seeseite. Gemeinsam mit den Stadtmauern und der Hofbrücke bildete sie eine beeindruckende Verteidigungslinie.

Kapelle ist Namensgeberin

Die Kapellbrücke hat ihren Namen von der St. Peterskapelle am rechten Reussufer. Sie verbindet nach ihrer Erbauung die Kapelle mit dem heute nicht mehr existenten Freienhof am linken Ufer des Flusses. Das Baudatum der Kapellbrücke ist nicht genau zu beziffern. 1347 gab es einen indirekten Hinweis auf sie, aber erst 1367 wurde sie erstmals erwähnt. Dendrochronologische (Bestimmung des Baumalters) Untersuchungen an Jochbalken und Sattelhölzern zeigten, dass sie frühestens 1356 gebaut wurde. Der Wasserturm stand zu dieser Zeit bereits.

Die Situation um das Jahr 1835: Die Kapellbrücke hat die erste Verkürzung hinter sich, wegen Uferaufschüttungen folgen weitere – auf beiden Seiten der Reuss.

Protest gegen Abriss wirkt

Ursprünglich war die Kapellbrücke 279 Meter lang. Im Verlauf der Zeit verlor sie allerdings zusehends an Länge; zuerst, weil das linke Reussufer aufgeschüttet wurde. Ab 1833 standen mehrmals Kürzungen an. Die heutige Situation mit dem abgewinkelten Brückenkopf ist ab 1838 anzutreffen. Mit dem Bau des Rathausquais am rechten Ufer büsste die Kapellbrücke 1898 weitere 15 Meter ein. Das nach dem Bau des Rathausstegs aufkommende Gerücht über den Abriss der Kapellbrücke sorgte für Entrüstung, vor allem in England. Zu dieser Zeit reisten viele englische Touristen nach Luzern, um die Kapellbrücke zu sehen und auf ihr zu flanieren. Ein Abriss dieser Sehenswürdigkeit hätte die Engländer sehr getroffen. Touristen und Einheimische protestierten gegen die mutmasslichen Abriss-Pläne – und dies zeigte Wirkung. Die Kapellbrücke blieb und hat heute eine Länge von 205 Metern.

Flammen und Fluten zerstören Bilder

Tragisch ist die Geschichte des Bilderzyklus‘ der Kapellbrücke. Ab dem Jahr 1614 entstanden die ursprünglichen 158 Dreieckbilder, die in den Giebeln der Brücke aufgehängt sind. Sie zeigen Szenen aus der Schweizer Geschichte sowie die Legenden der Luzerner Stadtpatrone St. Leodegar und St. Mauritius. Als ein Hochwasser 1741 Teile der Kapellbrücke einstürzen liess, gingen einige Bilder in den Fluten verloren. Den grössten Verlust verursachte indessen der Brückenbrand von 1993: Von den 111 Originalbildern auf der Brücke verbrannten deren 86 teilweise oder bis zur Unkenntlichkeit.

Die Spreuerbrücke –
die Zweigeteilte

Sie ist die «jüngste» der Luzerner Holzbrücken. Die Bilder der Spreuerbrücke symbolisieren den Totentanz.

Die Geschichte der Spreuerbrücke ist eng mit den städtischen Mühlen verbunden. Diese standen im 13. Jahrhundert am Ort des heutigen Mühlenplatzes und auf Inseln in der Reuss. Der ältere Brückenteil auf der Nordseite führte damals etwa bis zur Mitte der Reuss und diente als Zugang zu den Mühlen. Der sogenannte Mühlesteg war noch vor Hof- und Kapellbrücke fertiggestellt worden.

Pläne für eine Verlängerung der Brücke über den gesamten Fluss kamen erst Ende des 14. Jahrhunderts mit dem Wachstum der Stadt Luzern auf: Etwa zeitgleich mit der Errichtung der Museggmauer wurde die Spreuerbrücke komplettiert. 1408 war sie erstmals als vollständige Brücke über die Reuss erwähnt. Sie stand nicht mehr nur in Diensten der Mühlen, sondern diente zusätzlich als Wehrgang.

1568/69 entsteht...
...auf der Spreuerbrücke der kleine hölzerne Erker mit Spitzgiebel und Fähnchen,
der hundert Jahre später zur Kapelle wird.

Name durch Nebenprodukt

Die Mühlen sind für den Namen «Spreuerbrücke» verantwortlich. Die Spreu ist ein Nebenprodukt der Müllerei. Weil die Arbeiter die Spreu oft von der Brücke in die Reuss kippten, um sie zu entsorgen, bekam die Brücke den Namen «Spreuerbrücke». Während die nördliche Hälfte der Spreuerbrücke im Zuge von Umbauten an den Mühlen immer wieder Veränderungen ausgesetzt war, blieb die später gebaute, südliche Hälfte praktisch unverändert. Von der ursprünglichen Länge von 112 Metern sind heute deren 81 übrig. Noch heute ist ersichtlich, dass die Spreuerbrücke aus zwei klar getrennten Teilen besteht.

Kurzzeitig Totenbrücke genannt

Der Bilderzyklus der Spreuerbrücke symbolisiert den Totentanz und entstand zwischen 1616 und 1637. Wahrscheinlich umfasste der Zyklus ursprünglich 71 Dreieckbilder. Diese erzählen von Begegnungen der Lebenden mit den Toten. Als in den Jahren 1780 und 1785 die Spreuerbrücke auf der Seite des Mühlenplatzes begradigt und verkürzt wurde, mussten einige Bilder weichen. 45 Giebelbilder sind heute auf der Brücke zu sehen. Weil auf den Bildern der Tod omnipräsent ist, wird die Brücke im 19. Jahrhundert auch Totenbrücke genannt. Der Name setzte sich allerdings nicht durch.

Die zwei Teile der Spreuerbrücke sind gut erkennbar: Links der jüngere Teil mit der Kapelle und nach dem Knick der ältere Teil aus dem 13. Jahrhundert.

Kapelle auf der Brücke

Eine Besonderheit der Spreuerbrücke ist die Kapelle auf der Südhälfte der Brücke. Seit 1568/69 ziert ein erkerartiger Holzaufbau mit Spitzgiebel und Fähnchen die Brücke. Zuerst als Schutzhütte gegen Wind und Wetter genutzt und mit einem Heiligenbild ausgestattet, entwickelt er sich zur Kapelle. 1669 wurde der Anbau erstmals als Kapelle erwähnt und trägt den Namen «Maria auf der Reuss». Sie wird im Laufe der Jahre ausgeschmückt: 1890 mit der heutigen Front, einer Neurenaissance-Wand, und 1905 mit den seitlichen Glasgemälden, die den Heiligen Mauritius und die Heilige Katharina zeigen.

Nachbildung in England

In der touristischen Bedeutung steht die Spreuerbrücke im Schatten der Kapellbrücke. Doch auch sie weiss zu begeistern: Als die englische Künstlerin Mary Hemsworth (1869–1940) von ihrem Besuch in Luzern heimkehrte, liess sie auf ihrem Anwesen in Yorkshire die Spreuerbrücke originaltreu nachbauen.

Heute ist die Spreuerbrücke ein beliebter Fussgängerweg. 8400 Menschen überqueren täglich die Reuss zwischen Mühlenplatz und Historischem Museum.

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